Was sind Barrier Reverse Convertibles?
Wenn das Depot auszahlt, statt nur zu wachsen.
Die meisten Schweizer Depots sind auf Wachstum gebaut. Fondsanteile, ETF, ein paar Einzelaktien. Das funktioniert gut, solange man das Geld nicht braucht. Sobald aber eine Summe fällig wird, die Steuerrechnung, die Küchenrenovation, das Einkommen nach der Pensionierung, kommt der unangenehme Teil: Man muss Anteile verkaufen. Zum Kurs, der gerade gilt, nicht zu dem, den man gerne hätte.
Barrier Reverse Convertibles, kurz BRC, drehen dieses Prinzip um. Sie sind nicht dafür gebaut, möglichst stark zu steigen. Sie sind dafür gebaut, regelmässig zu zahlen.
Der Aufbau in einem Absatz
Ein BRC ist ein strukturiertes Produkt. Technisch besteht es aus zwei Teilen: einer Anleihe des Emittenten und einer verkauften Verkaufsoption auf einen oder mehrere Basiswerte. Die Prämie aus dieser verkauften Option ist der Grund, warum ein BRC einen deutlich höheren Coupon zahlt als eine gewöhnliche Obligation. Man verkauft dem Markt eine Absicherung und wird dafür bezahlt.
Fünf Eckwerte beschreiben jedes BRC vollständig:
| Eckwert | Was er bedeutet |
|---|---|
| Basiswerte | Eine oder mehrere Aktien, oft drei. Massgebend ist die schwächste davon, das sogenannte Worst-of-Prinzip. |
| Coupon | Der feste Zins, je nach Risiko der Basiswerte meist zwischen 4 und 12 Prozent pro Jahr, ausbezahlt monatlich, quartalsweise oder jährlich. |
| Barriere | Die Kursschwelle, meist 55 bis 75 Prozent des Startkurses. Solange kein Basiswert sie verletzt, kommt das Kapital vollständig zurück. |
| Strike | Der Kurs, zu dem man die Aktien übernehmen muss, wenn die Barriere verletzt wurde und die Aktie am Ende unter dem Strike schliesst. Oft gleich dem Startkurs, manchmal etwas darunter. |
| Laufzeit | Typisch 6 bis 24 Monate, mit einem klaren Rückzahlungstermin. |
Der entscheidende Punkt: Der Coupon wird gezahlt, egal wie sich die Basiswerte entwickeln. Er ist nicht an eine Kurssteigerung geknüpft. Die Barriere entscheidet nur darüber, ob am Ende das volle Kapital oder die Aktien zurückkommen.
Warum der eine BRC 4 und der andere 12 Prozent zahlt
Ein hoher Coupon ist keine Qualitätsauszeichnung, sondern ein Preisschild. Er zeigt an, wie viel Risiko der Anleger übernimmt. Die Höhe ergibt sich fast vollständig aus drei Stellschrauben.
Die wichtigste ist die Schwankungsbreite der Basiswerte. Je stärker eine Aktie ausschlägt, desto teurer ist die Absicherung, die man dem Markt verkauft, und desto höher fällt der Coupon aus. Konservative, defensive Titel aus Nahrungsmitteln, Pharma oder Versorgern liefern deshalb tendenziell tiefere Coupons, oft im Bereich von 4 bis 6 Prozent. Zyklische Werte, Technologietitel oder Einzeltitel mit Sondersituationen kommen auf zweistellige Coupons. Wer also 12 Prozent sieht, sollte nicht nach dem Emittenten fragen, sondern nach den Basiswerten.
Die zweite Stellschraube ist die Barriere. Ein Produkt mit Barriere bei 50 Prozent hat einen grösseren Puffer und zahlt entsprechend weniger als eines mit Barriere bei 75 Prozent, bei sonst gleichen Basiswerten.
Die dritte ist die Zahl der Basiswerte. Weil bei einem Worst-of-Produkt die schwächste Aktie zählt, steigt der Coupon mit jedem zusätzlichen Titel im Korb, vor allem wenn die Titel wenig miteinander laufen. Drei Basiswerte bedeuten drei Chancen, dass einer die Barriere reisst.
Die Faustregel daraus ist einfach: Ein auffällig hoher Coupon ist immer die Bezahlung für ein Risiko, das im Termsheet ausgewiesen ist. Angenehm ist, dass man diese Wahl selbst trifft. Wer ruhig schlafen will, nimmt defensive Basiswerte, eine tiefe Barriere und akzeptiert 5 Prozent. Wer mehr Ertrag will, muss bereit sein, die Aktien am Ende auch tatsächlich ins Depot zu nehmen.
Ein Beispiel mit Zahlen
Nehmen wir ein BRC über CHF 50'000 auf drei Schweizer Aktien mit deutlicher Schwankungsbreite, mit einem Coupon von 10 Prozent pro Jahr, einer Barriere bei 65 Prozent und einer Laufzeit von zwölf Monaten. Ein Korb aus defensiven Titeln würde bei gleicher Barriere spürbar weniger abwerfen.
Während der Laufzeit fliessen vier Quartalscoupons von je CHF 1'250, zusammen CHF 5'000. Diese Zahlungen kommen unabhängig davon, ob die drei Aktien steigen, stehen oder moderat fallen.
Am Laufzeitende gibt es zwei Fälle. Hat keine der drei Aktien die Barriere von 65 Prozent verletzt, werden die CHF 50'000 vollständig zurückbezahlt. Ist der schwächste Basiswert unter die Barriere gefallen und schliesst er zum Beispiel bei 55 Prozent seines Startkurses, erhält man statt Bargeld die Aktien, umgerechnet zum Strike. Wie das genau geht, zeigt der nächste Abschnitt. Im Beispiel ergibt das einen Gegenwert von CHF 29'700, zusammen mit den vereinnahmten Coupons CHF 34'700.
Initial Fixing, Strike, Barriere und Autocall-Trigger
Damit die Zahlen greifbar werden, schauen wir auf die schwächste der drei Aktien. Für jeden Basiswert stehen im Termsheet vier Kurse, jeweils in Franken und in Prozent des Initial Fixing:
Initial Fixing, CHF 54.00. Der Kurs der Aktie beim Start des Produkts. Alle übrigen Schwellen werden in Prozent davon angegeben.
Strike, CHF 50.00, rund 93 Prozent. Der Kurs, zu dem man die Aktie übernehmen muss, wenn am Ende geliefert wird. Das Kapital wird zum Strike in Aktien umgerechnet: CHF 50'000 geteilt durch CHF 50 ergibt 1'000 Aktien. Schliesst die Aktie wie im Beispiel bei CHF 29.70, sind diese 1'000 Aktien CHF 29'700 wert. Weil der Strike hier unter dem Initial Fixing liegt, erhält man mehr Aktien, als wenn zum Startkurs umgerechnet würde. Und erholt sich die Aktie bis zum Schluss auf CHF 50 oder darüber, gibt es trotz berührter Barriere das volle Kapital zurück.
Barriere, CHF 35.10, 65 Prozent. Die Schwelle, die über das Risiko entscheidet. Fällt die Aktie während der Laufzeit nie darunter, kommen am Ende die vollen CHF 50'000 zurück, ganz gleich, wo sie dann steht. Wird sie berührt, droht die Lieferung zum Strike.
Autocall-Trigger, CHF 59.40, 110 Prozent. Gibt es nur bei Produkten mit Autocall, oft als «Callable» bezeichnet. An festen Beobachtungstagen, hier vierteljährlich, wird geprüft, ob alle Aktien auf oder über ihrem Trigger schliessen. Ist das der Fall, kann der Emittent das Produkt vorzeitig zurücknehmen, bei vielen Produkten geschieht das automatisch. Er zahlt die CHF 50'000 und den fälligen Coupon, die weiteren Coupons entfallen. Der Autocall greift also gerade dann, wenn es gut läuft, und beendet das Produkt, bevor es seine ganze Laufzeit an Coupons ausgezahlt hat.
Der Unterschied zum Fonds
Genau hier trennen sich die beiden Welten. Ein Aktienfonds erzeugt Ertrag nur über den Kurs. Steigt er, wird das Depot grösser. Braucht man Geld, verkauft man Anteile und entnimmt damit Substanz. Ein BRC erzeugt Ertrag über den Coupon, also über einen Zahlungsstrom, der auf dem Konto ankommt, ohne dass etwas verkauft werden muss.
Der Vergleich über unser Beispieljahr, bei je CHF 50'000 Einsatz:
| Marktverlauf | Aktienfonds | BRC mit 10 % Coupon, Barriere 65 % |
|---|---|---|
| Plus 15 Prozent | Depotwert plus CHF 7'500, keine Auszahlung | CHF 5'000 auf dem Konto, Kapital zurück |
| Seitwärts, null Prozent | Keine Veränderung, kein Ertrag | CHF 5'000 auf dem Konto, Kapital zurück |
| Minus 10 Prozent | Depotwert minus CHF 5'000 | CHF 5'000 auf dem Konto, Kapital zurück |
| Minus 45 Prozent | Depotwert minus CHF 22'500 | Kapitalverlust CHF 20'300, abgefedert um CHF 5'000 Coupon |
Die Tabelle vereinfacht, weil ein breiter Fonds und drei Einzeltitel nicht dasselbe Risiko tragen. Das Muster stimmt trotzdem: In steigenden Märkten gewinnt der Fonds, in seitwärts laufenden und leicht fallenden Märkten gewinnt der BRC. Und genau diese Phasen macht ein Depot über die Jahre häufiger durch, als einem lieb ist.
Was der Coupon kostet
Ein hoher Coupon ist nie geschenkt. Wer BRC kauft, sollte drei Dinge bewusst in Kauf nehmen.
Erstens ist die Rendite gedeckelt. Steigt der Basiswert um 40 Prozent, bekommt man trotzdem nur den Coupon. Man tauscht Kurspotenzial gegen Planbarkeit.
Zweitens trägt man das Aktienrisiko unterhalb der Barriere in vollem Umfang. Die Barriere ist ein Puffer, kein Schutz. Ist sie einmal verletzt, verhält sich das Produkt wie die schwächste Aktie im Korb.
Drittens kommt das Emittentenrisiko dazu. Ein BRC ist rechtlich eine Forderung gegenüber der ausgebenden Bank. Fällt diese aus, nützt die schönste Barriere nichts. Deshalb lohnt es sich, das Kapital über mehrere Emittenten zu verteilen und den Überblick darüber zu behalten, wie viel bei welchem Haus liegt.
Wo es in der Praxis mühsam wird
Ein einzelner BRC ist noch einfach zu verfolgen. Bei acht oder zwölf Produkten wird es schnell unübersichtlich. Jedes hat eigene Basiswerte, eine eigene Barriere, eigene Beobachtungsregeln, einmal nur am Laufzeitende, einmal laufend während der ganzen Laufzeit. Dazu kommen unterschiedliche Couponrhythmen, mögliche vorzeitige Rückzahlungen und die Frage, welcher Basiswert gerade wie nahe an seiner Schwelle liegt.
Die gängigen E-Banking-Lösungen helfen dabei kaum. Sie weisen die BRC als Position aus, teilweise gibt es eine Warnung bei einer Barriereverletzung. Was fehlt, ist genau das, was man laufend braucht: der Abstand zur Barriere pro Basiswert, ein Kalender der kommenden Couponzahlungen, die Verteilung über die Emittenten und ein Überblick über alle Produkte hinweg, auch wenn sie bei verschiedenen Banken liegen. Wer das will, führt heute meist eine Excel-Tabelle und pflegt sie von Hand aus den Termsheets nach.
Genau an dieser Lücke haben wir angesetzt. Pecugate liest ein Termsheet automatisch ein und legt daraus die Position an, zeigt für jeden Basiswert den aktuellen Abstand zur Barriere, warnt früh statt erst bei der Verletzung, führt einen Couponkalender und stellt die Emittentenverteilung dar. Aus einer Sammlung einzelner Produkte wird so ein Portfolio, das man tatsächlich steuern kann. Mehr dazu gerne ein andermal, hier ging es um die BRC selbst.
Fazit
BRC sind kein Ersatz für ein Wachstumsdepot und keine Wunderlösung. Sie sind ein Werkzeug für eine bestimmte Aufgabe: aus vorhandenem Kapital regelmässige, planbare Zahlungen erzeugen, ohne Substanz zu verkaufen, und dabei auch in seitwärts laufenden Märkten Ertrag liefern. Wer diese Aufgabe hat, sollte sie kennen. Wer sie einsetzt, sollte sie im Griff behalten.
Portfolio im Griff behalten.
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Kostenlos startenDieser Beitrag dient der allgemeinen Information und stellt keine Anlageberatung dar. Strukturierte Produkte bergen Kursrisiken und das Ausfallrisiko des Emittenten. Massgebend sind allein das Termsheet und der Prospekt des jeweiligen Produkts.