Grundlagen

Was sind Barrier Reverse Convertibles?
Wenn das Depot auszahlt, statt nur zu wachsen.

Kursverlauf dreier Basiswerte oberhalb einer gestrichelten Barriere bei 65 Prozent, mit markierten Couponterminen.

Die meisten Schweizer Depots sind auf Wachstum gebaut. Fondsanteile, ETF, ein paar Einzelaktien. Das funktioniert gut, solange man das Geld nicht braucht. Sobald aber eine Summe fällig wird, die Steuerrechnung, die Küchenrenovation, das Einkommen nach der Pensionierung, kommt der unangenehme Teil: Man muss Anteile verkaufen. Zum Kurs, der gerade gilt, nicht zu dem, den man gerne hätte.

Barrier Reverse Convertibles, kurz BRC, drehen dieses Prinzip um. Sie sind nicht dafür gebaut, möglichst stark zu steigen. Sie sind dafür gebaut, regelmässig zu zahlen.

Der Aufbau in einem Absatz

Ein BRC ist ein strukturiertes Produkt. Technisch besteht es aus zwei Teilen: einer Anleihe des Emittenten und einer verkauften Verkaufsoption auf einen oder mehrere Basiswerte. Die Prämie aus dieser verkauften Option ist der Grund, warum ein BRC einen deutlich höheren Coupon zahlt als eine gewöhnliche Obligation. Man verkauft dem Markt eine Absicherung und wird dafür bezahlt.

Vier Eckwerte beschreiben jedes BRC vollständig:

EckwertWas er bedeutet
BasiswerteEine oder mehrere Aktien, oft drei. Massgebend ist die schwächste davon, das sogenannte Worst-of-Prinzip.
CouponDer feste Zins, je nach Risiko der Basiswerte meist zwischen 4 und 12 Prozent pro Jahr, ausbezahlt monatlich, quartalsweise oder jährlich.
BarriereDie Kursschwelle, meist 55 bis 75 Prozent des Startkurses. Solange kein Basiswert sie verletzt, kommt das Kapital vollständig zurück.
LaufzeitTypisch 6 bis 24 Monate, mit einem klaren Rückzahlungstermin.

Der entscheidende Punkt: Der Coupon wird gezahlt, egal wie sich die Basiswerte entwickeln. Er ist nicht an eine Kurssteigerung geknüpft. Die Barriere entscheidet nur darüber, ob am Ende das volle Kapital oder die Aktien zurückkommen.

Warum der eine BRC 4 und der andere 12 Prozent zahlt

Ein hoher Coupon ist keine Qualitätsauszeichnung, sondern ein Preisschild. Er zeigt an, wie viel Risiko der Anleger übernimmt. Die Höhe ergibt sich fast vollständig aus drei Stellschrauben.

Die wichtigste ist die Schwankungsbreite der Basiswerte. Je stärker eine Aktie ausschlägt, desto teurer ist die Absicherung, die man dem Markt verkauft, und desto höher fällt der Coupon aus. Konservative, defensive Titel aus Nahrungsmitteln, Pharma oder Versorgern liefern deshalb tendenziell tiefere Coupons, oft im Bereich von 4 bis 6 Prozent. Zyklische Werte, Technologietitel oder Einzeltitel mit Sondersituationen kommen auf zweistellige Coupons. Wer also 12 Prozent sieht, sollte nicht nach dem Emittenten fragen, sondern nach den Basiswerten.

Die zweite Stellschraube ist die Barriere. Ein Produkt mit Barriere bei 50 Prozent hat einen grösseren Puffer und zahlt entsprechend weniger als eines mit Barriere bei 75 Prozent, bei sonst gleichen Basiswerten.

Die dritte ist die Zahl der Basiswerte. Weil bei einem Worst-of-Produkt die schwächste Aktie zählt, steigt der Coupon mit jedem zusätzlichen Titel im Korb, vor allem wenn die Titel wenig miteinander laufen. Drei Basiswerte bedeuten drei Chancen, dass einer die Barriere reisst.

Die Faustregel daraus ist einfach: Ein auffällig hoher Coupon ist immer die Bezahlung für ein Risiko, das im Termsheet ausgewiesen ist. Angenehm ist, dass man diese Wahl selbst trifft. Wer ruhig schlafen will, nimmt defensive Basiswerte, eine tiefe Barriere und akzeptiert 5 Prozent. Wer mehr Ertrag will, muss bereit sein, die Aktien am Ende auch tatsächlich ins Depot zu nehmen.

Ein Beispiel mit Zahlen

Nehmen wir ein BRC über CHF 50'000 auf drei Schweizer Aktien mit deutlicher Schwankungsbreite, mit einem Coupon von 10 Prozent pro Jahr, einer Barriere bei 65 Prozent und einer Laufzeit von zwölf Monaten. Ein Korb aus defensiven Titeln würde bei gleicher Barriere spürbar weniger abwerfen.

Während der Laufzeit fliessen vier Quartalscoupons von je CHF 1'250, zusammen CHF 5'000. Diese Zahlungen kommen unabhängig davon, ob die drei Aktien steigen, stehen oder moderat fallen.

Am Laufzeitende gibt es zwei Fälle. Hat keine der drei Aktien die Barriere von 65 Prozent verletzt, werden die CHF 50'000 vollständig zurückbezahlt. Ist der schwächste Basiswert unter die Barriere gefallen und schliesst er zum Beispiel bei 55 Prozent seines Startkurses, erhält man statt Bargeld die Aktien, also einen Gegenwert von rund CHF 27'500. Zusammen mit den vereinnahmten Coupons ergibt das CHF 32'500.

Der Unterschied zum Fonds

Genau hier trennen sich die beiden Welten. Ein Aktienfonds erzeugt Ertrag nur über den Kurs. Steigt er, wird das Depot grösser. Braucht man Geld, verkauft man Anteile und entnimmt damit Substanz. Ein BRC erzeugt Ertrag über den Coupon, also über einen Zahlungsstrom, der auf dem Konto ankommt, ohne dass etwas verkauft werden muss.

Der Vergleich über unser Beispieljahr, bei je CHF 50'000 Einsatz:

MarktverlaufAktienfondsBRC mit 10 % Coupon, Barriere 65 %
Plus 15 ProzentDepotwert plus CHF 7'500, keine AuszahlungCHF 5'000 auf dem Konto, Kapital zurück
Seitwärts, null ProzentKeine Veränderung, kein ErtragCHF 5'000 auf dem Konto, Kapital zurück
Minus 10 ProzentDepotwert minus CHF 5'000CHF 5'000 auf dem Konto, Kapital zurück
Minus 45 ProzentDepotwert minus CHF 22'500Kapitalverlust CHF 22'500, abgefedert um CHF 5'000 Coupon

Die Tabelle vereinfacht, weil ein breiter Fonds und drei Einzeltitel nicht dasselbe Risiko tragen. Das Muster stimmt trotzdem: In steigenden Märkten gewinnt der Fonds, in seitwärts laufenden und leicht fallenden Märkten gewinnt der BRC. Und genau diese Phasen macht ein Depot über die Jahre häufiger durch, als einem lieb ist.

Was der Coupon kostet

Ein hoher Coupon ist nie geschenkt. Wer BRC kauft, sollte drei Dinge bewusst in Kauf nehmen.

Erstens ist die Rendite gedeckelt. Steigt der Basiswert um 40 Prozent, bekommt man trotzdem nur den Coupon. Man tauscht Kurspotenzial gegen Planbarkeit.

Zweitens trägt man das Aktienrisiko unterhalb der Barriere in vollem Umfang. Die Barriere ist ein Puffer, kein Schutz. Ist sie einmal verletzt, verhält sich das Produkt wie die schwächste Aktie im Korb.

Drittens kommt das Emittentenrisiko dazu. Ein BRC ist rechtlich eine Forderung gegenüber der ausgebenden Bank. Fällt diese aus, nützt die schönste Barriere nichts. Deshalb lohnt es sich, das Kapital über mehrere Emittenten zu verteilen und den Überblick darüber zu behalten, wie viel bei welchem Haus liegt.

Wo es in der Praxis mühsam wird

Ein einzelner BRC ist noch einfach zu verfolgen. Bei acht oder zwölf Produkten wird es schnell unübersichtlich. Jedes hat eigene Basiswerte, eine eigene Barriere, eigene Beobachtungsregeln, einmal nur am Laufzeitende, einmal laufend während der ganzen Laufzeit. Dazu kommen unterschiedliche Couponrhythmen, mögliche vorzeitige Rückzahlungen und die Frage, welcher Basiswert gerade wie nahe an seiner Schwelle liegt.

Die gängigen E-Banking-Lösungen helfen dabei kaum. Sie weisen die BRC als Position aus, teilweise gibt es eine Warnung bei einer Barriereverletzung. Was fehlt, ist genau das, was man laufend braucht: der Abstand zur Barriere pro Basiswert, ein Kalender der kommenden Couponzahlungen, die Verteilung über die Emittenten und ein Überblick über alle Produkte hinweg, auch wenn sie bei verschiedenen Banken liegen. Wer das will, führt heute meist eine Excel-Tabelle und pflegt sie von Hand aus den Termsheets nach.

Genau an dieser Lücke haben wir angesetzt. Pecugate liest ein Termsheet automatisch ein und legt daraus die Position an, zeigt für jeden Basiswert den aktuellen Abstand zur Barriere, warnt früh statt erst bei der Verletzung, führt einen Couponkalender und stellt die Emittentenverteilung dar. Aus einer Sammlung einzelner Produkte wird so ein Portfolio, das man tatsächlich steuern kann. Mehr dazu gerne ein andermal, hier ging es um die BRC selbst.

Fazit

BRC sind kein Ersatz für ein Wachstumsdepot und keine Wunderlösung. Sie sind ein Werkzeug für eine bestimmte Aufgabe: aus vorhandenem Kapital regelmässige, planbare Zahlungen erzeugen, ohne Substanz zu verkaufen, und dabei auch in seitwärts laufenden Märkten Ertrag liefern. Wer diese Aufgabe hat, sollte sie kennen. Wer sie einsetzt, sollte sie im Griff behalten.

Portfolio im Griff behalten.

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Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und stellt keine Anlageberatung dar. Strukturierte Produkte bergen Kursrisiken und das Ausfallrisiko des Emittenten. Massgebend sind allein das Termsheet und der Prospekt des jeweiligen Produkts.